UNTERSCHIEDLICHE HINTERGRÜNDE, EINE GEMEINSAME LEIDENSCHAFT

Zum Aufbau und Erhalt eines erfolgreichen Kiwanis Clubs ist es wichtig, Diversität willkommen zu heißen.  

Artikel von Julie Saetre

Beim Kiwanis-International-Jahreskongress 2019 stimmten die Delegierten mit überwältigender Mehrheit einem Änderungsantrag zu. Dabei wurde eine Nichtdiskriminierungsklausel in die Statuten aufgenommen, in der es sinngemäß heißt: „Bei der Berücksichtigung einer Mitgliedschaft, bei sämtlichen Aktivitäten und Tätigkeiten dürfen Kiwanis Clubs Personen nicht aufgrund ihrer Rasse, Hautfarbe, Glaubensrichtung oder Herkunft, ihres Alters oder Geschlechts diskriminieren – einschließlich ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität.“

Die Kategorien „Alter“ und „Geschlecht“ sind eine neue und willkommene Ergänzung für Kiwanis-Mitglieder wie den 23-jährigen Donovan Gaylor aus Albuquerque, New Mexico, USA, der dem Kiwanis Club Los Altos als Präsident 2019–2020 vorsteht, oder Miguel Sarasa, der in Südkalifornien den LGBT+ Kiwanis Club, einen Internet-Club, gegründet hat. 

Gaylor leitet einen Club, dessen Mitglieder ein Durchschnittsalter von mehr als 70 Jahren haben. Sarasa hingegen – Lieutenant Governor der Division 47 im Distrikt Kalifornien-Nevada-Hawaii – hat einen Club ins Leben gerufen, der auf die Bedürfnisse der LGBT-Bevölkerung und von Jugendlichen fokussiert ist. In den revidierten Statuten wird etwas unterstützt, an das beide fest glauben: Den Kindern der Welt zu dienen ist ein Ziel, für das sich jeder Einzelne, ungeachtet aller Unterschiede, engagieren kann. 

„Wenn ich an Diversität denke, stelle ich mir eine vielfältige Gruppe von Menschen vor, die sich gemeinsam für etwas engagieren“, sagt Gaylor. „Alle Gegensätze und Unterschiede spielen keine Rolle und man konzentriert sich auf das zentrale Anliegen. Für Kiwanis bedeutet das, den Kindern und Gemeinden, in denen wir leben, zu dienen.“ 

Sarasa fügt hinzu: „Es ist wichtig, dass wir uns weiterentwickeln und akzeptieren, dass sich die Zeiten ändern. Wir müssen mehr Verständnis aufbringen. Wir leben schließlich auf dieser Erde und müssen dazu beitragen, Gutes zu bewirken.“ 

„Wie sich zeigt, tragen eine vielfältige Mitgliederbasis und die Förderung von Integration zur Nachhaltigkeit eines Clubs bei“, sagt Kathleen Nalty, eine in den Vereinigten Staaten lebende Pädagogin und Beraterin, die auf kulturelle Inklusion spezialisiert ist und Organisationen hilft, talentierte Nachwuchskräfte zu binden. 

„Diversität und Inklusion sind ein gewaltiger wirtschaftlicher Faktor“, sagt sie. „Alle Studien zeigen, dass hiermit enorme Geschäftsvorteile erzielt werden können.“ 

In ihrem Bericht „The Business Imperative of Diversity & Inclusion (D+I)“ deutet Nalty auf mehrere Studien hin, aus denen hervorgeht, welche Erfolge sich für Firmen und Organisationen mit vielfältigen Mitarbeitern oder Mitgliedern sowie einem integrativen Umfeld ergeben: 

In einer Studie (2015) mit nahezu 400 Unternehmen weltweit wurde festgestellt, dass Unternehmen, die die größte Vielfalt – sowohl in Bezug auf die Geschlechter als auch hinsichtlich der Ethnien – und ein Engagement für Inklusion nachgewiesen haben, um 170 % innovativer sind und um 180 % besser mit Veränderungen umgehen. 

Untersuchungen aus dem Jahr 2017 zeigen eine direkte Korrelation zwischen Diversität, Inklusion und Geschäftserfolgen. 

Mehreren Studien zufolge steigert sich die Leistung innerhalb einer Gruppe, wenn ein „Außenseiter“ – eine Person mit einer sozialen Identität, die sich von der der anderen Mitglieder der Gruppe unterscheidet – zur Gruppe hinzukommt. Warum? Die „Gruppendynamik“ wird dadurch verändert. 

Ein Professor der Cornell University hat bei seinen Forschungen festgestellt, dass die Mitarbeiterbindungsraten steigen, wenn Bereichsleiter sich darauf konzentrieren, alle Mitarbeiter – nicht nur diejenigen, mit denen sie Gemeinsamkeiten haben – miteinbeziehen und zu allen eine solide Beziehung aufbauen. 

Kurzum, sagt Nalty, seien Diversität und Inklusion nicht nur nette Konzepte, die berücksichtigt werden sollten. Sie seien wichtig für die dauerhafte Relevanz und Stärke einer Organisation. 

„Eine Stellungnahme (allein) bringt selten etwas. Sich einzig und allein auf eine Stellungnahme zu verlassen, wird zu keiner Veränderung führen“, sagt Nalty. „Die Zukunft einer Organisation hängt von der Fähigkeit ab, in das 21. Jahrhundert überzuwechseln. Was das Thema Diversität betrifft, reicht es einfach nicht, sich auf allgemeine Auffassungen des 20. Jahrhunderts zu stützen. Das neue Paradigma der Inklusion erfordert von Organisationen viele Dinge anders zu tun als bisher und nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln.“ 

Gaylor nahm im Alter von vier oder fünf Jahren zum ersten Mal an einer Versammlung des Kiwanis Clubs Los Altos teil. Er kam als Gast seines Urgroßvaters (damals letztjähriger Past Präsident und heute Mitglied). Als Gaylor, zwei Jahre nachdem er selbst Mitglied geworden war, die Rolle als Präsident übernahm, wusste er, dass der Club bereits eine inklusive Kultur förderte. Zwar gehören die Mitglieder alle der gleichen Altersgruppe an, doch persönliche Unterschiede werden von ihnen sehr wertgeschätzt. 

„Unser Club ist wirklich vielfältig“, sagt er. „Ich bin Afroamerikaner mit weißer Hautfarbe. In unserem Club gibt es spanische Mitglieder, Muslime und Juden. Wir alle haben sehr unterschiedliche Hintergründe. Aber jeden Donnerstag, wenn wir uns treffen, gibt es bei uns nur ein Ziel und einen Schwerpunkt – und das finde ich sehr beeindruckend.“

Sarasa, ein ehemaliges Key-Club-Mitglied, trat ursprünglich dem Kiwanis Club Hemet im Süden Kaliforniens bei und fungierte dort zwei Jahre lang als Clubpräsident. Bei seinen Überlegungen, wie man auf potenzielle neue Mitglieder zugehen könnte, kam ihm eine Idee. 

„Insbesondere in der heutigen Zeit, mehr als jemals zuvor, ist es notwendig, die LGBT-Jugend zu unterstützen“, sagt er. „Ich überlegte, wie ich diese beiden Angelegenheiten miteinander verbinden könnte. Es würde den Zugang zu einer völlig anderen Bevölkerungsgruppe potenzieller neuer Mitglieder schaffen, die direkt in ihren eigenen Gemeinden etwas bewirken wollen.“ 

Eine Umfrage aus dem Jahr 2019 des Trevor Project, einer in den Vereinigten Staaten ansässigen Organisation, die notleidenden und suizidgefährdeten LGBTQ-Jugendlichen unter 25 Jahren Hilfe anbietet, zeigt, warum diese Unterstützung notwendig ist: 71 % der befragten LGBTQ-Jugendlichen wurden wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität schon einmal diskriminiert. Im vorangegangenen Jahr hatten 71 % mindestens zwei Wochen lang Trauer und Hoffnungslosigkeit verspürt und 39 % dieser Jugendlichen hatten ernsthaft darüber nachgedacht, sich das Leben zu nehmen. 

Doch diese Zahlen lassen sich verändern, wenn man die Betroffenen unterstützt. Im Juni 2019 veröffentlichte das U. S. Center for Disease Control and Prevention Studienergebnisse, die zeigten, dass bei LGBTQ-Jugendlichen, die mindestens einen Erwachsenen in ihrem Leben hatten, von dem sie akzeptiert wurden, die Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuchs im vorangegangenen Jahr um 40 % geringer war. 

Kommen wir zu Sarasas neuem LGBT+ Club. Der Kiwanis Club Literacy in Southern California wurde zum begeisterten Sponsor, angespornt von Doug Chadwick, dem Präsidenten 2019–2020, und seiner Frau Jean. Nicht alle in der Gemeinde waren jedoch von dieser Idee begeistert. 

„Die größte Herausforderung war das Zögern einiger Leute, auch unter Kiwaniern: ‚Warum ist es notwendig, diesen separaten Club zu gründen?‘ Ich glaube, es gab einige Leute, die mit diesem Konzept generell ein Problem hatten“, sagt Sarasa. „Tatsächlich ist dieses Thema nach wie vor heikel.“  

Das sei gar nicht ungewöhnlich, sagt Nalty, denn hier komme die menschliche Tendenz des „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ zum Vorschein. Die meisten von uns hätten nicht einmal die Absicht, andere Menschen zu diskriminieren. Vielmehr seien es unbewusste Vorurteile, erlernte, tief verwurzelte Klischees, die unser Verhalten unbewusst beeinflussten. 

„Eine sehr häufig auftretende Tendenz ist, dass wir uns eher zu Menschen hingezogen fühlen, die so sind wie wir – die unsere Interessen teilen und einen ähnlichen Hintergrund sowie eine vergleichbare soziale Identität haben“, erklärt Nalty. 

Das Problem hierbei ist: Wenn wir hauptsächlich mit Menschen verkehren, die so sind wie wir, und ein Umfeld schaffen, das dazu beiträgt, noch mehr Menschen anzuziehen, die in unser Format passen, schließen wir ständig andere Menschen aus. 

„Eines Tages wird jeder Club merken, dass es so nicht weitergehen kann. Wir haben nicht genügend Mitglieder“, warnt Nalty. 

Zum Abbau unbewusster Vorurteile sind Achtsamkeit, Engagement und Einsatz notwendig. Es wird nicht einfach so passieren, weil gute Absichten allein nicht ausreichen. 

„Es fängt mit der Bewusstseinsbildung und dem Verlassen der Komfortzone an. Erst dann ist man bereit, mit Menschen zu interagieren, die sich von einem selbst unterscheiden und andere soziale Identitäten, Kulturen, Bräuche und Vorlieben haben“, sagt Nalty. „Die Bedeutung dessen, was Kiwanis tut, überschreitet alle Grenzen, Kulturen und Hintergründe. Doch es muss zielgerichtet sein.“ 

Wie sehen die ersten Schritte aus? 

Führen Sie bei der nächsten Versammlung eine neue Beurteilung der Situation durch. 

Als Stacey Simmons, ehemaliges Key-Club-Mitglied, und ihr Mann einem Kiwanis Club in der Gegend von Washington, D. C., beitreten wollten, schauten sie sich zunächst in der Nähe ihres Wohnsitzes um. Die Versammlungen dieses Clubs fanden an Wochentagen während der Mittagspause statt. 

„Leute wie wir, die sich am Anfang ihrer Karriere befinden, haben nicht die Möglichkeit, die Arbeit zu verlassen, wann immer sie wollen“, erklärt Simmons. „Ein- bis anderthalbstündige Versammlungen erfordern eine zweistündige Arbeitspause. Das ist für mich unmöglich.“ 

So entschlossen sie sich, dem Kiwanis Club Washington beizutreten, in dem es ein D. C. Young Professionals Committee gibt (dessen Mitglieder zwischen 20 und 30 Jahre alt sind). Da die Versammlungen, Projekte und Sozialveranstaltungen dieses Komitees an Abenden und Wochenenden stattfinden, eignet es sich besser für jüngere Leute, die sich einsetzen wollen. 

Bringen Sie Abwechslung in Ihre Clubaktionen. 

Das D. C. Young Professionals Committee veröffentlicht seine Projekte und Veranstaltungen über Meetup. Meetup ist eine Website, auf der angemeldete Mitglieder Gleichgesinnte treffen können.  

„Es gibt Leute, die noch nie etwas von Kiwanis gehört haben und uns auf dieser Website finden“, sagt Simmons. „Menschen finden uns über Meetup, kommen zu Veranstaltungen und treten uns bei. Für uns funktioniert das wirklich gut.“ 

Erkunden Sie neue Kommunikationsmethoden und erforschen Sie neue Formen, die ein anderes Publikum ansprechen. 

Beleben Sie Ihre Serviceprojekte 

Wenn Sie zu verschiedenen bedürftigen Gruppen Kontakt aufnehmen, stellen Sie Kiwanis (und Ihre Clubmitglieder) unterschiedlichsten Menschen vor. Sarasas Club arbeitet mit zwei Jugendzentren in Südkalifornien zusammen, die LGBTQ- und andere Jugendliche unterstützen. Einige benötigen vorübergehend eine Unterkunft. Der Club stellt Rücksäcke bereit, die mit Notwendigem und Angenehmem gefüllt sind. 

„Ein Hygienepaket, Decken – wir tun alles, was wir können, um den LGBT-Jugendlichen zu zeigen, dass es Erwachsene gibt, die ihnen zur Seite stehen“, sagt Sarasa. „Leider haben es diese Kinder sehr schwer. Sie werden von ihren Eltern nicht mehr akzeptiert, seit sie sich ihnen anvertraut haben. Wir wollen diesen Kindern einen Hoffnungsschimmer geben. Wir möchten ihnen zeigen, dass sie uns wichtig sind und von uns beachtet werden.“ 

Alle Mitglieder sollen sich willkommen fühlen 

Im Kiwanis Club Vinton, Iowa, gibt es zwei blinde Mitglieder. Ray Lough und seine Frau haben sich seit 1995 um 73 Pflegekinder gekümmert und elf dieser Kinder adoptiert. Carolyn Hibbs hat vor ihrer Pensionierung Blindenschrift unterrichtet. Beide sind aktive Mitglieder des Clubs in Vinton. Hibbs und ihr verstorbener querschnittsgelähmter Ehemann hatten beide das Clubpräsidentenamt inne und haben sich stark engagiert.  

„Wir sind dankbar, dass wir im Club für unsere Leistungsfähigkeit gesehen wurden und nicht für unsere Einschränkungen, die uns von der Gesellschaft oft auferlegt werden“, sagt Hibbs. 

„Ich bin kein Clubmensch“, sagt Lough, „aber dieser Club passte gut zu mir. Die Mitglieder unseres Clubs sind wirklich einzigartig. Sie tun alles dafür, dass sich jeder willkommen fühlt.“ 

Der Zeitaufwand und die Bemühungen eines Clubs, vielfältiger und inklusiver zu werden, lohnen sich. So öffnen sich neue Wege für Mitglieder. Neue Energie und Inspiration werden geweckt und der Club wird nachhaltiger. Zudem werden alle Kiwanis-Mitglieder auf diese Weise gestärkt, was ihre Fähigkeiten als dienende Führungskräfte betrifft. 

„Letztlich müssen wir erkennen, dass wir alle nur Menschen sind und dass wir uns ungeachtet unserer Unterschiedlichkeit unterstützen müssen“, sagt Sarasa. „Als Kiwanis-Mitglieder haben wir schließlich die Mission, Kindern in den schweren Zeiten des Lebens zu helfen.“ 


Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Kiwanis-Magazin-Ausgabe März 2020.

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