Eine ganz besondere Ausbildung

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Die Kinder in Italien und der Schweiz wissen, dass Martin kein gewöhnlicher Wolf ist. Sie wissen genau, warum dieser Wolf etwas ganz Besonderes ist.

Geschrieben von Kasey Jackson | Illustrationen Simona Mulazzani

Martin hat noch nicht herausgefunden, wie man den Mond anheult. Das wäre auch nicht schlimm, wenn er kein Wolf wäre. Aber leider gehört das Anheulen des Mondes zu den Kenntnissen, die ein Wolf nun einmal haben sollte. Streng genommen interessiert sich Martin in geringster Weise dafür, was es mit dem Mond auf sich hat. Stattdessen starrt er lieber die hellroten Kirschen an, die von den Ästen des Kirschbaumes herunterbaumeln. Seine Mutter tröstet ihn zwar, aber die Worte des Leitwolfs haben sich in seinem Kopf eingeprägt: „Er wird niemals ein richtiger Wolf werden.“

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Martin wurde in einer nebligen Nacht geboren. Der kleine Wolf hob seinen Kopf. Er hatte weder eine Ahnung wo das Ende seiner Schnauze war noch wo der Himmel anfing.

So lernen wir Martin den kleinen Wolf kennen. Er ist der Star des Kinderbuchs „Martino Piccolo Lupo“ und tausende von Kindern in ganz Italien und großen Teilen der Schweiz sind mit ihm vertraut. Martin kann den Kindern etwas lehren, ohne sich groß anzustrengen.

Konzipiert und umgesetzt wurde das Buch vom Verlag Carthusia Edizioni, gemeinsam mit den Autoren Gionata Bernasconi und Simona Mulazzani, unter Aufsicht der ARES Foundation (eine Stiftung, die Ressourcen zu Autismus und Kindesentwicklung bereitstellt).

„Diese spezielle Geschichte ist mit einer positiven Mitteilung an die Gesellschaft verknüpft“, sagt Rosy Pozzi, Kommunikationschefin der ARES Foundation. „Patrizia Zerbi, vom Verlag Carthusia forderte uns auf, an einer Fokusgruppe zum Thema Autismus teilzunehmen und Meinungen und Erfahrungen von Lehrkräften und Eltern zu sammeln. Sie beabsichtigte einen Bildband zu schaffen, in dem mit Metaphern dargestellt wird, wie mit Autismus umgegangen werden kann.  Es sollte sich um eine nette Geschichte handeln, in der erklärt wird was Autismus ist, ohne Furcht zu erregen oder zu trübsinnig zu klingen. Wir haben sofort mit unserer Arbeit begonnen und die Kiwanis Foundation in Lugano, die an unser Projekt geglaubt hat, um Unterstützung gebeten. Jeder hatte Vertrauen in diese wunderbare Geschichte.“

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Der Abend brach herein und mit der Dunkelheit tauchte auch der Fuchs auf. Die Gans hätte davonlaufen können, so wie sie es immer getan hat. Oder sie hätte sich unter dem Kirschbaum verstecken können, wo sie sich sicher fühlte.
„Ich werde mich als Wolf verkleiden“, sagte die Gans entschlossen. Sie war davon überzeugt, dass dies eine hervorragende Idee sei. Kurzum schnappte sie mit ihrem Schnabel einige kleine Steinchen auf, um damit Martins Zähne zu imitieren. Dann steckte sie sich zwei rote Kirschen auf den Schnabel, damit sie wie ein echter Wolf aussah.

Laut Pozzi ist die Zusammenarbeit eines starken internationalen Teams von leidenschaftlichen Menschen notwendig gewesen, dieses Projekt in die Wirklichkeit umzusetzen.

„ARES ist eine Schweizer Stiftung“, sagt Pozzi. „Der Herausgeber ist Italienisch und Kiwanis ist International. Zu Beginn war es leider so, dass Guiseppe Bertini, der Vorsitzende für Autismus, vom Distrikt Italien-San Marino, die ganze Arbeit fast alleine erledigt hat. Er ist der Champion, der alles für dieses Projekt in die Wege geleitet hat. Im Kiwanis Club Varese hat alles angefangen. Nach und nach kamen noch andere Kiwanis Clubs dazu. Giuseppe hatte sich hervorragend um die Kommunikation zwischen Kiwanis in der Schweiz und in Italien gekümmert. Die ganze Sache ist ein großer Erfolg gewesen.“

Giuseppe hat sich zum Ziel gesetzt, dass Buch in möglichst vielen Schulen zu verteilen. Im Moment hat das Buch dank der Unterstützung der Kiwanis Foundation von Lugano (Schweiz) und den Kiwanis Clubs Varese, Como, Pavia, Pavia Ticinum und Pavia Visconteo (in Italien) 6.500 Lehrer erreicht (und somit mehr als 150.000 Kinder). Dank der großzügigen Unterstützung des gesamten Distrikts Italien-San Marino, konnte das Buch kostenlos an die Lehrer von Erstklässlern in allen Grundschulen des Distrikts und der Provinzen verteilt werden.

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“In acht nehmen. … Ich bin ein Wolf! “Sagte die Gans und zeigte die Kirschen an ihrem Schnabel. Der Fuchs rollte sich laut lachend auf den Boden. Sie war eine echte Gans, mit Worten und Taten.
Dann sah sie zwei weitere Kirschen, die sich ihr näherten. Aber der Blick des Fuchses ging nicht an den kleinen Früchten vorbei. “Und hier ist noch eine Gans”, kicherte der leckere Fuchs.

EIN WIRKSAMES INSTRUMENT
Maura Magni, die Präsidentin des Kiwanis Clubs Varese erklärt, warum nicht nur die Geschichte wichtig ist sondern auch die ergänzenden Materialien, die erstellt wurden, um die Lehrer bei der Erteilung der Lektion zu unterstützen.

„Am Anfang haben wir jeden einzelnen Lehrer persönlich angesprochen, um das Projekt zu fördern. Mittlerweile gibt es ein Lehrvideo. In diesem Video wird ein Darsteller gezeigt, der die Geschichte vorliest, ein Interview mit der Schulleitung und Lehrern und ein Interview mit Giuseppe, der erklärt wie und warum Kiwanis involviert ist. Zudem ist ein Gespräch mit dem Herausgeber, dem Bildungsminister, der Mutter eines autistischen Jungens und mit der Autorin aufgezeichnet. Wir haben diese Informationen mit den Kiwanis Clubs geteilt, damit sie sie an die Lehrer weitergeben können.“

Am Ende des Buches befinden sich zusätzliche Diskussionsmaterialien und Botschaften von Menschen, die an diesem Projekt beteiligt gewesen sind.

„Zum Ende der Geschichte haben wir einen besonderen Inhalt für die Lehrer beigefügt“, sagt Pozzi. Wir haben Ratschläge aufgeführt, wie die Lehrer das Buch einsetzen können und wie im Klassenzimmer an dieser Geschichte gearbeitet werden kann. Es gibt verschiedene Stufen und jeder Lehrer kann selbst entscheiden, wie intensiv er auf diese Geschichte eingehen will. Man kann die Geschichte einfach nur lesen oder auf Wunsch weiter ausbauen.“

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Der Nebel verflog und die Sicht wurde klar. Die kleinen Welpen bewegen sich sanft wie Schmetterlinge und kamen immer näher heran. Der Führer des Rudels hielt eine Ansprache, nachdem er ein paar Kirschen probiert hatte.
Die Früchte hinterließen einen merkwürdigen Geschmack in seinem Mund. Trotzdem sagte er: „Willkommen im Rudel kleiner Wolf“.

Es handelt sich um eine einfache Botschaft und doch ist diese Geschichte sehr tiefgreifend.

„Es ist eine poetische Geschichte, die eine große Wirkung auf kleine Kinder hat“, sagt Patrizia Zerbi, Carthusias Chefredakteurin. „Martino ist ein therapeutisches, fesselndes und sensibles Buch, das sich mit den Besonderheiten von Autismus beschäftigt. Durch den Einsatz von Metaphern werden Ängste und Unsicherheiten überwunden.“

Dem stimmt der Autor Gionata Bernasconi zu. Er verwendet Metaphern, um die Werte des Andersseins hervorzuheben.

„Bei einer Geschichte, die die Allgemeinheit anspricht, hat jeder die Möglichkeit über die eigenen Erlebnisse zu reflektieren“, sagt er. Die kleinen Kinder haben Mitgefühl für Martin. Die älteren Schüler sehen wie wichtig es ist, mit einbezogen zu werden.“

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Von links: Kiwanis Club Varese, Italien; Präsidentin Maura Magni, Kiwanis Italien-San Marino; Distrikvorsitzender für Autismus, Giuseppe Bertini; Autor und Fachkraft für Autismus, Gionata Bernasconi; Carthusia Chefredakteurin, Patrizia Zerbi, Foundation ARES Kommunikationschefin, Rosy Pozzi.

Nach eigenen Worten:

l_43j9Gionata Bernasconi
Autor Martino Piccolo Lupo

Der Hauptdarsteller in dieser Geschichte ist Martin. Er ist ein kleiner Wolf der den Mond nicht anheulen kann und gerne Kirschen ist. Zu Anfang glaubt der Leitwolf, dass Martin niemals ein richtiger Wolf werden wird. Erst als Martin auf eine verängstigte Gans und einen hungrigen Fuchs trifft, erkennt der Rudel, was wirklich in diesem kleinen Wolf steckt. Wenn man Martin wirklich kennenlernen will darf man sich vom ersten Anschein nicht trügen lassen. Man muss durch die Nebelschwaden hindurchsehen und darf sich nicht beirren lassen. „Willkommen im Rudel kleiner Wolf!“

Durch den Einsatz der Bildersprache und von Tieren, denen bestimmte Rollen zugeordnet sind, hebt dieses Buch die besonderen Eigenschaften von Menschen mit Autismus hervor. Es zielt darauf ab, Vorurteile und Ängste zu überwinden und eine positive Beziehung zu autistischen Kindern aufzubauen. Diese Geschichte hilft, das Verhalten und die Gefühle von autistischen Kindern besser zu verstehen und hilft kleineren Kindern Menschen, die anders sind, so zu akzeptieren wie sie sind.

Die Metaphern spielen eine wesentliche Rolle in dieser Geschichte. Für die sachgemäße Anwendung des Buchs im Schulunterricht ist es jedoch wichtig zu wissen, wie die Metaphern im Zusammenhang zum Thema Autismus stehen.

Erklärungen zu den wichtigsten Metaphern:

Der Wolf: ein Tier, das oft stereotypiert wird, ähnlich wie autistische Menschen.

Der Nebel: Verwirrung und Unsicherheit von Menschen, die sich zu sehr auf das äußere Erscheinungsbild konzentrieren.

Das Heulen: die unterschiedlichen Kommunikationswege von autistischen Menschen.

Das Rudel: Freunde, Brüder und Gesellschaft, die autistische Menschen ausgrenzen/integrieren.

Kirschen: beschränkte Interessen und sensorische Aspekte, die den Geschmacksinn von autistischen Menschen betreffen.

Der Schmetterling: sensorische Aspekte, Berührungsängste von autistischen Menschen.

Der Fuchs: oberflächliche Menschen, die ihre eigenen Ängste und Vorurteile nicht abbauen können.

Die Gans: die Expertin, die Ängste und Vorurteile überwindet.


UnknownRosy Pozzi
Kommunikationschefin der Foundation ARES

Das Wort Autismus wird in „Martino“ nicht erwähnt. Glücklicherweise ist Gionata nicht nur Autor, sondern auch Fachmann für Autismus-Spektrum-Störungen. Unter den Mitgliedern der Foundation ARES befinden sich einige Pädagogen, die an Fokusgruppen teilnehmen. Wissenschaftlich gesehen war es deshalb relativ einfach, etwas Sinnvolles auszuarbeiten. Wir vertreten fest unseren Standpunkt. Wir möchten, dass die Informationen zu Autismus von wissenschaftlicher Bedeutung sind. Es handelt sich nicht nur darum eine nette Geschichte zu lesen. Vielmehr kann der Inhalt dieser Geschichte Lehrern dazu dienen, Kindern Autismus zu erklären. Die ARES Foundation setzt sich täglich dafür ein, korrekte Informationen zu verteilen und Vorurteile gegenüber autistischen Menschen abzubauen. Leider hört man viele unsinnige Dinge über Autismus. Falsche Informationen können große Probleme verursachen.

Gionata betont am Ende der Geschichte, dass Martin nicht vom Autismus geheilt wurde, sondern so wie er war akzeptiert wurde. Aber er muss sich auch richtig benehmen, um akzeptiert zu werden. Wir können Kindern all die Dinge beibringen, die sie benötigen, um in der Gesellschaft integriert zu werden. Wir können ihnen lehren, sich im Schulalltag zurechtzufinden und positive Verbindungen mit Freunden und Familienangehörigen aufzubauen. Die Metaphern die Gionata einsetzt spielen eine wichtige Rolle. Sie erklären kindgerecht die Besonderheiten und Merkmale von Autismus-Spektrum-Störungen.


Bilder von „Martino Piccolo Lupo“, © Carthusia Edizioni 2015/2016 Milan Italien, Geschichte von Gionata Bernasconi, Buchillustrationen von Simona Mulazzani


For more information about the book, visit carthusiaedizioni.it or email redazione@carthusiaedizioni.it.


Diese Geschichte erschien ursprünglich in der Januar / Februar-Ausgabe des Kiwanis-Magazins.

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